Vom Mythos der künstlerischen Inspiration

Ein Mythos scheint es zu sein, woher Inspiration kommt und welche Umgebung sie braucht.

Dies sind Fragen, die Besucher unserer Ausstellungen sehr häufig stellen.

Mathias hört beispielsweise bemerkenswert oft:

„Sie schnitzen bestimmt hauptsächlich Heilige. Sicher hören Sie dabei klassische Musik.“

Bei mir wird vermutet:

„Bestimmt brauchen Sie die richtige Stimmung, um malen zu können. Das geht ja auch nicht von jetzt auf gleich, dass die Inspiration kommt.“


Die Inspiration scheint in der landläufigen Vorstellung ein Wesen zu sein, dass sich stilvoll klassisch beschallen lassen möchte. Mit dicht bewimperten, ausdrucksstarken Augen, blickt sie verträumt und etwas erstaunt in die unkultivierte, etwas graue Welt, um sich herum. Sie muss kein Geld verdienen und hat deshalb auch keine Überstunden in so etwas, was sich Brotjob nennt. Sie muss nicht zum Zahnarzt, zur Krebsvorsorge oder zum Einkaufen. Und einen Haushalt hat sie auch nicht zu versorgen, deshalb muss sie nicht putzen, kochen oder zum Wertstoffhof. Deshalb hat „Die Inspiration“ Zeit.

Sie hat immer genug Zeit.

Sie schwebt durch die Welt und streckt ihre schmalen, zarten Künstlerhände elegant aus, um nach Ideen zu haschen, während sie an einem Ateliertee, der inzwischen in diversen Künstlerbadarfen feil geboten werden, nippt.

Vorzugsweise hält sie sich in traumhafter Umgebung auf. Das versprechen zumindest teure Coachingprogramme, die die Kreativität „befreien“ und zur „wahren Inspiration“ führen sollen.


Ferdinand von Schirach, sagte neulich sinngemäß in einem Interview, dass viele sich den Autor vorstellen, wie er aus dem Fenster in eine vorzugsweise traumhafte Landschaft blickt, von der er sich inspirieren lässt. Er selbst, könne überall schreiben. Er klappe seinen Laptop auf und mit dem Blick auf den Monitor sei er in seinem Text und nirgends anderswo.

Bähm.

Da platzt der Mythosballon ganz unprätentiös.


Meine Inspiration ist vom Alltag geprägt. Sie hat zum Glück, die Eigenschaft sehr unangenehm ungeduldig werden zu können, wenn ich sie längere Zeit versuche zu ignorieren. Manchmal droht sie sogar sich mit meiner Lebenszufriedenheit zu solidarisieren, um zu ihrem Recht zu kommen.

Deshalb hat meine Inspiration ein eigenes Buch, in das sie immer wieder kurz oder etwas länger zeichnen darf. Und sie hat ein Schreibheft, in dass sie Ideen und Wortfetzen schreiben darf.

Gerne beobachtet sie alles was da so kreucht und fleucht und sie ist eine leidenschaftliche Schwimmerin.

Inzwischen habe ich über dreißig Skizzenbücher und viele Schreibhefte in meinem Fundus.

Und dann braucht es einfach „nur“ Zeit. Wirklich Zeit.

Wenn diese dann endlich da ist, komm ein intensives Gefühl der Vorfreude, ein kurzes Umschalten und meine Inspiration wedelt wie ein Schwarzmarktdealer mit ihrer gesamten Produktpalette.

Ich hatte immer schon mehr Ideen als Zeit. Bildern und größeren Projekte versuche ich konsequent einen Tag in der Woche zu widmen.

Meine Inspiration beschäftigt sich vorzugsweise mit Dingen, die andere als wertlos oder entsorgungswürdig sehen. Legendär inzwischen der Ausruf meiner damaligen Vermieterin, als ich mit meinem Fiat Seicento auf den Hof kam, der voller alter, nass geregneter Bretter war: „Mei Dirndl, wos machst denn mit de dafeiden Bredln?“ „Moin“ war meine Antwort. Sie „Des kaft doch koana“. Tja, meine Inspiration lachte damals nur und wusste es scheinbar besser.

(Übersetzung für alle des Bayerischen nicht mächtigen: „Mädchen, was machst Du denn mit den verfaulten Brettern.“ „Malen“. Sie “Das wird keiner kaufen“.)


Mathias Inspiration hingegen, setzt sich auf (kunst-)historische Spuren und schnüffelt diesen nach wie ein Drogenspürhund. Sie mampft sich mit Jahreszahlen und geschichtlichen Zusammenhängen voll, über die mein Gehirn nur Staunen kann, da es sich bei historischen Fakten und Zahlen häufig in den Modus eines weißen Hintergrundrauschens versetzt, ohne dass ich groß etwas dagegen tun kann. Mathias Inspiration fischt beispielsweise mit absolut verzücktem Gesichtsausdruck nach Details in der Gotik oder im Barock und setzt diese in neue figürliche Zusammenhänge. Ebenso sitzt sie jedoch liebend gerne am Wasser und blickt stundenlang auf die Weite des Chiemsees, häufig mit einer Angel in der Hand.

Mathias begibt sich dann nach kurzer Inkubationszeit mit seiner chiemseefarbenen, mit geschichtlichen Zahlen vollgefutterten Inspiration und einer sehr flüchtigen Skizze, meist in einem knappen Zeitfenster, in seine Werkstatt. Häufig mit der Geräuschkulisse von schweren Kreissägen und Mainstreamsendern, da er sich in eine Schreinerei eingemietet hat.

Er schnappt sich ein heimisches Holz, denn nur damit arbeitet er … und es geht los.

Und … nur ganz selten entsteht dabei ein Heiliger. Denn der Bedarf an Heiligen ist selbst in diesem katholischen Chiemgauer Landstrich, nicht mehr sehr hoch.


Natürlich kann ein Ausblick am Meer einen tief inspirieren.

Jedoch braucht es für die tägliche Inspiration, mehr als Äußerlichkeiten, vor allem Zeit. Zeit für den Blick in`s Innere und die „Alltagswunder“.


Oder wie Picasso es einmal gesagt hat:

„Inspiration existiert, aber sie muss dich bei der Arbeit finden.“


Dann wird sich viel in Bewegung setzten.

Versprochen.


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